Zwischen War und Wird

 

Ich bin noch gar nicht da, aber schon hier.

„Hier“ heißt: Nürnberg. „Da“ heißt „Vierzehn Tage Station 20 IV links“, Aufnahmetermin morgen.

Morgen. Nicht: Gestern…

Es geht also weiter. Wohin? Spannende Frage…

Es gibt so viel zu verzeihen für mich und mir selbst, dass ich davor kapituliere und es somit tue.

Ein konkreter, recht frischer Baustein dieses Mauergerüstes aus „Muss“, „Hättewäresollte“ und „Kann(einfach/aber)nicht“ einwattiert in Variationen von Scham und Schuld ist frisch hinzu gekommen und ich versuche gerade, ihn irgendwie abzutragen, also die Watte zu füttern…

Der Weg ist das Ziel.

Ich sitze hier zwischen War und Wird.

Sehe auf das zurück, was ich kürzlich erlebt und konstruiert habe.

Er, der Baustein, war ein Riesendurcheinander aus Unnötigkeiten, entstanden durch Verunsicherung und Nachlässigkeit. Unverzeihlich, eigentlich.

Aber ich sitze hier und blicke auf die Landschaft. Hinter mir liegt „War“. Vor mir liegt ein ziemlich konkretes „Wird“. Aber nur durch den kürzlich gegangenen Weg durch das Chaos kann ich von hier aus auch auf ein neues, mögliches „Wird“ blicken.

Das Chaos birgt also Geschenke. Ich packe sie aus. Und übe mich darin, was ich auspacke, als ein kommendes Geschenk zu werten.

Das Chaos war (- vielleicht / für mich noch -) nötig, sonst säße ich nicht hier.

Nur durch das Chaos habe ich zwei freie Tage hier in Nürnberg geschenkt bekommen. Nur durch das Chaos konnte ich mir so gestern eine mögliche zukünftige Rehaeinrichtung ansehen.

Nur durch das Chaos sitze ich jetzt hier.

Hier in der Wohnung des Menschen, den ich damals in der systemischen Aufstellung gebeten habe, für mein Mitgefühl zu stehen. Und er hatte zugestimmt. Christoph. Er ist gar nicht hier, bringt es aber fertig, dass ich Willkommensein und Vertrauen spüren kann.

Sei es in oder durch Abwesenheit?

Egal.

Wie lange bis zu meinem nächsten Einbruch / Absturz?

Egal.

Wie gut das tut. Es fühlt sich gut an. Jetzt.

Ich bekomme, was ich brauche, um jetzt hier zu sein.

Und so ist das konkrete Hier und Jetzt wieder nur ein Abbild für mein Leben.

Was gewesen ist, war nötig. Ob ich will oder nicht.

Was kommt, ist wichtig: Ob ich will oder nicht.

Wichtig wozu? Wohin soll es gehen?

Kann ich mir irgendwann die Erlaubnis geben, ein Ziel für mich zu formulieren? Werde ich es mir anvertrauen können?

Ist der Widerstand und die Angst davor nötig, um zu spüren und zu verstehen lernen, dass es darum für mich gar nicht gehen muss?

Und mein Dank gilt Euch, die Ihr mich begleitet. Sei es als Spiegel oder Mitgefühl, sei es als Lieferant oder Spürnase für Bausteine, Gerüste oder Watte jeder Art. Sei es in ständiger, sporadischer oder vergangener, tatsächlicher oder unsichtbaren Anwesenheit, sei es irgendwo zwischen verhasst oder in tiefer Liebe.

Die ihr die Rolle wechselt oder irgendwie alles auf ein Mal sein könnt.

Ob ihr wollt oder nicht.

Ob ihr es wisst oder nicht.

Ob wir uns schon ewig + drei Tage kennen oder noch gar nicht:

Mit bzw. durch Euch kann ich mein Leben lernen sein und mich lebend sein zu lassen.

 

 

Kurz mal weg

Schneller Flügelschlag und leises Plitschen, aber mit einem kräftigen Quaken kommentiert die Ente ihre Ankunft auf dem Wasser der Talsperre Ratscher im Thüringer Wald und schwimmt gemütlich davon.

Einen Song namens „Fog on the water“ könnte man anlässlich des Ausblickes erschaffen. Die aufgehende Sonne hat sich noch nicht hoch genug vorgearbeitet. Aber der Himmel ist blau und wird ihrer Stahlkraft einen weiteren Tag dieses heißen Sommers kein Wölkchen entgegensetzen.

Ich bin noch im Schlafsack. Der wird dann auch noch seine Zeit zum Trocknen brauchen und sie in Ehre bekommen.

Ich werde sie nutzen. Habe den Kocher mit und Instantkaffee. Etwas zu Schreiben. Und die Ruhe, die manchmal meine Schläfrigkeit begleitet, lade ich zum Bleiben ein. Wir könnten zusammen Weile teilen. Enge, Zwang, Angst und Eile haben keinen Termin – vielleicht hilft ihr das.

Und wenn sie trotzdem erscheinen, schicke ich sie fort.

Dort hin, wo sie nötiger gebraucht wurden.