Ein Plan
Ich war die erste im Raum und unerwartet. Der Therapeut der Holzwerkgruppe konnte nach meiner kurzen Vorstellung seine Unkenntnis über seinen Gruppenzuwachs zwar nicht verbergen, sammelte seine erschlafften Gesichtszüge aber sehr schnell wieder ein und frug mich sogleich:
„Ja, und was wollen sie machen?“
Und dieses Gefühl, das er mit dieser harmlosen Frage in mir auslöste, kenne ich gut. Zuletzt begegnete ich ihm neulich in der Ergotherapie in sehr ähnlicher Situation.
Ich weiß es nicht.
Völlig übertriebene, abgrundtiefe Ratlosigkeit und Angst überschwemmen mich, Ärger und Weglaufenwollen, die pure Unfähigkeit, darauf eine Antwort zu finden. Alles ist nicht gut genug oder fühlt sich nicht richtig an, weder das Angebot, noch ich, weder der Therapeut, noch die Beschaffenheit des Fußbodens. Die Fülle der Möglichkeiten erschlägt mich und gleichzeitig fühle ich mich für alles zu klein, unfähig, nicht in der Lage.
Es ist eben das selbe Gefühl, das sich einstellt, wenn ich an meine bisherige und die zukünftige Lebensgestaltung denke – und eben und nur deshalb so bedrohlich.
Ich stammelte herum. Ich brauche nichts. Und ich will auch nichts verschenken, was andere vermutlich weder benötigen noch haben wollen. Produktion für den Mülleimer kommt auch nicht in Frage.
Ob er etwas brauche, was er auf einem Basar gut verkaufen könne? Nein, auf einen Basar gehe er nicht.
Ich sagte ihm, dass es mir eher darum ginge, mit Holz umzugehen, als irgend etwas herzustellen. Das Material kennenlernen. Schleifen, hobeln,…
Er drückte mir ein paar Vorlagen in die Hand und zeigte mir einen recht groben Bausatz zur Herstellung eines apfelhaltenden Vogelhauses. Das machte mich neugierig: Die Teile wollten zersägt, geschliffen, zusammengefügt und mit persönlicher Note gestaltet werden… aus rechten Winkeln Rundungen machen. Aus Schnittkanten glatte Flächen.
Ein Vogelhaus? Naja, das unsrige macht keinen so stabilen Eindruck mehr. Aber Äpfel sind nicht gerade die Leibspeise unserer immerhungrigen, fliegfertigen Besucher. Mein Ergotherapeut aus dem Nachbarraum kam vorbei und zeigte mir das von Kleibern umgarnte Vogelhaus vor der Türe.
Drei Möglichkeiten und zwei Gespräche mit Menschen, die mich ein Stück weit begleiten und unterstützen werden, reichten aus: Ich gab mir die Erlaubnis, „Ja“ zu sagen und „einfach“ zu beginnen. Ich nahm Maße, bekam Ideen, machte eine Skizze, notierte den Materialbedarf, mache mir Gedanken über das Vorgehen.
Ich habe einen Plan. Vertraue auf Hilfe. Und werde sie annehmen.
Vielleicht: Üben für’s Leben.
Nachtrag vom 2. Juni: