Über Wasser laufen

Klamme Knochen und Grog.

Biergärten und Kastanienbäume.

Sonnenschein und blauer Himmel nach grautrübem Morgen und…

Wochenmarkt!

Dort gibt es einen Stand, der kräftige, herrlich duftende Brote und Brötchen aus Sauerteig verkauft. Leider war der Gemüsehändler mit den Kräutersträussen nicht da: Schnittlauch, Dill, manchmal Kerbel, Sauerampfer, glatte Petersilie und ganz wichtig: Borretsch… Aber ich wurde nebenan fündig:

Jetzt in die Bude? Auf gar keinen Fall! Aber etwas Hunger hatte ich doch…

Sie stand einfach nur da und blinzelte in die Sonne. Die Kleidung war schnell gewechselt. Helm auf. Schlüssel rum und los in die Nachmittagssonne. Die Kurven dieser Strecke sind so vertraut – ich bin sie schon oft gefahren. Sie führen mich an einen Platz, an dem ich willkommen bin. Völlig losgelöst von dem, was mein Gehirn mir gerade ins Leben fühlt und denkt. Die Freude war so groß!

Und einen schönen Balkon hat sie zudem: Meine Mutter.

Schnell geschnippelt und gekocht, gelacht, irgendwas erzählt, lecker gegessen. Zusammen eine genau richtig kurze, schöne Weile verbracht und wieder los…

Es ging mir heute nicht um die Landschaft, sie flog an mir vorbei. Es ging um den Reiz der Geschwindigkeit, der Beschleunigung, des möglichst flüssigen Kurvenfahrens. In den Augenwinkeln nahm ich die Schatten der flatternden Rucksackgurte wahr, die ich leise am Rücken klopfen spürte: Ich bin am Leben.

Im Nachhinein war ich auch am Leben während dieser Zeit, damals, die „Berliner Jahre“ (die eine oder der andere mag sich erinnern… 😉 ). Am Morgen hörte ich Musik, die ich mit dieser Zeit verbinde. Wenn vergangene Zeit ein Kühlschrank ist, ist diese Musik der Sekt namens Wohlgefühl. Ich machte ihn auf und konnte genießen.

Und ich fühlte mich in oder hatte Kontakt zu so vielen meiner Lieblingsmenschen und war er auch vielleicht nur klitzeklein, ein Gedanke.

…und zu guter letzt kam dann noch Deine Whattsapp, Leon!!!

Alles heute.

(was ich zum 21.09.2017 zähle – wo es jetzt schon lange der 22. ist)

Es kommt mir vor, als sei ich mit all diesen schönen Erlebnissen sicher über ein Wasser gelaufen – oder getragen worden? -, von dessen Tiefen ich eine Ahnung habe…. 

Nur fast unglaublich schön!

Habt Dank, von ganzen Herzen.

 

Klitzeklein

 

Ich hatte gestern mit den Flügen (Vigo – Lissabon – Frankfurt/Main) viel Glück, aber auch ein ganz besonderes….

 

 

 

 

 

 

 

…?

 

 

 

 

 

Er war ganz deutlich zu sehen. Ich war heute noch ganz aufgeregt, wenn ich davon erzählt habe.

Warum?

Keine Ahnung… Nicht wichtig!

Ich habe mich einfach gefreut.

 

Und das ganz deutlich gespürt.

 

Zurück

Das war gestern erst!

Gestern noch saß ich in diesem guten Restaurant in Vigo und habe mir zum Nachtisch das Tiramisu Mousse bestellt, was sich als wahre Gaumenfreude herausstellte.

Ich habe zwei Anläufe gebraucht, wirklich ins Hotel zu kommen, wollte noch ein bisschen an der lebendigen, mir so leicht erscheinenden Abendstimmung teilhaben, aber hauptsächlich will ich wohl nicht zurück.

„Zurück“.

Umfassend gesehen.

Als ob das überhaupt ginge…

Vielleicht ist es nur die Ahnungslosigkeit, wohin.

Und der Grund, warum ich Weitwanderwege so mag…

Wunder

Tja, was nun? Angekommen in Santiago wollte ich mich nicht mit dem Gedanken beschäftigen, nach Hause zu fahren. Ich dachte daran, nach Finsterre ans Meer zu reisen und von dort die 3-4 Tage zurück nach Santiago zu laufen. Aber zu allererst wollte ich mich darum kümmern, wie ich überhaupt zurück nach Deutschland kommen kann. Dazu stand die Fahrt nach Vigo an, um mir in der dortigen Honorarbotschaft wieder einen Pass zu besorgen. Und von Vigo aus kann man ja auf dem Camino Português auch nach Santiago laufen, aber…

…die Schmerzen im linken Schienbein, die mich auf den letzten Tagen des Weges schon begleitet hatten, hatten spürbar nachgelassen oder sind einfach nur nichtig geworden im Verhältnis zu denen in der linken Hüfte, mit denen ich tags zuvor vom Barhocker gekrochen war. Die Treppen der Pension waren schon eine Aufgabe, aber schlimmer noch war es, das Bein ins Bett zu bekommen. Jede Bewegung, auch nachts, ließ mich zusammenfahren. Fiel mir etwas auf den Boden, kam das einem Drama gleich, denn ich konnte mich einfach nicht so tief bücken. Dabei waren nicht die Schmerzen das Schlimmste, sondern die erbärmliche Hilflosigkeit. Den ganzen Tag konnte ich, wenn ich es geschafft hatte, auf die Füße zu kommen, nur winzige, vorsichtige Schritte machen und für lächerliche Entfernungen nahm ich mir ein Taxi, wobei ich auch dabei den Eindruck hatte, mehr Zeit zum Ein- und Aussteigen zu benötigen, als die Fahrtzeit andauerte. Zudem kam mir der Rucksack unendlich schwer vor.

Dies alles nahm ich als Zeichen, dass mein Körper meint, er sei jetzt genug gelaufen und wolle heim. Ich buchte einen Flug, besorgte mir weitere Ibuprofen Tabletten, sowie Diclofenac Gel und schlief nachmittags und schlief abends und schlief nachts…

…und das Wunder kam. Schon nachts wunderte ich mich darüber, wie gut ich mich im Bett bewegen konnte. Und morgens war ich überglücklich, relativ leicht aus dem Bett zu kommen und darüber, dass ich mir auch noch die Schuhe einigermaßen vernünftig zubinden konnte.

Ein kleiner Morgenspaziergang bestätigte das Wohlgefühl und jetzt schon denke ich daran, den Flug umzubuchen, noch ein paar Tage hier zu verweilen, um noch etwas zu laufen…

Ich habe das Gefühl, nicht Abschied nehmen zu können oder genommen zu haben.

Kann man ohne Abschied „ankommen“, sich „zu Hause“ fühlen?

Santiago de Compostela

Ich ließ mir Zeit, brauchte auch ein Weilchen, um die richtigen Worte zu finden, Christiane aus Frankfurt respektvoll, aber los zu werden. So einfach hätte ich es gerne auch mit Unkraut, Parkverboten, Geschwindigkeitskontrollen, Diensten, Pickeln, Falten und Haaren an unbeliebten Stellen ;-).

Es waren nur 10,5 km nach Santiago. Die Stadt empfing mit Regen. Ihr war’s egal und mir auch.

Zuerst humpelte ich Richtung Kathedrale, aber die empfing mich mit einem Schild, dass mein Rucksack nicht erwünscht sei. Könnt Ihr Euch vorstellen, dass so ein Rucksack nach all den Tage treuen Dienstes irgendwie Teil des Ganzen Karins ist und die sich in ihrer gewohnten Art erstmal komplett unwillkommen fühlte? Und manchmal mag ich es, beleidigt zu sein. Kennt Ihr Asterix bei den Spaniern? Ja, ganz genau so!!! (muss ich unbedingt gleich lesen, wenn ich wieder heim komme 😉 )

Jedenfalls habe ich erstmal ein Plätzchen in einer kleinen Pension für uns gefunden und meine bessere Hälfte nicht zum Duschen mitgenommen.

„Ja.“ Ich war in der Kathedrale. Aber zum Weihrauchschaukeln haben sie mich nicht rein gelassen. Und „Ja“, ich war auch in der allzu beliebten Schlange im Pilgerbüro, um die ‚Compostela‘ zu bekommen, die Urkunde, der schriftliche Beweis meines den Regeln entsprechenden Hierherkommens und Hierseins. Und „Ja“, es war mir egal.  Ich nahm den schnellen Stempel und ging mit dem ernsten Hinweis, ohne Schlangestehen auf gar keinen Fall die Compostela erhalten zu können. Aus und vorbei. So bin ich: Über 800 km laufen, aber zu faul zum 1-2 stündigem Schlangestehen.

Für manche ist so ein Ding Teil des Glücklichseins – wie man auf dem Bild der unbekannten Frau sehen kann… Danke!!!

Aber ein Bier vermag es auch, zum kurzen Glück zu verhelfen und ich hab‘ halt diese Variante gewählt.

Ihr Lieben! Ich sitze seit ganz lange in einer Kneipe, genieße die irisch anklingende Fiedelmusik, das Bier und die Tapas. Danke für dieses stempellose, wunderschöne, hoffentlich unvergessliche Ende dieses Weges. Mögen noch viele folgen.

Stolz

Du musst doch unendlich „stolz“ auf dich sein! Den ganzen Weg geschafft, alles alleine, so tapfer und tüchtig!“

Nein.

Ich bin nicht stolz. Auf etwas stolz zu sein, erlaube ich mir sowieso nicht gerne. Und wenn schon, dann:

Worauf denn? Warum denn?

Weil ich dem alten Muster entsprochen habe und ich mich dann wohlfühlen darf, wenn ich Leistung erbracht, mich besonders angestrengt, große Zahlen geschrieben habe?

Ja, ich hätte gerne dieses Grundgefühl, in Ordnung zu sein. Richtig und willkommen so, wie und wo ich bin. Und immer wieder falle ich darauf rein, zu glauben, dieses könnte ich mit Leistung erreichen.

Niemals. Auch damit nicht.

Es war ein Weglaufen. Erlebt wie im Rausch.

Ich habe auf diesem Weg gesehen, gelebt, manchmal Momente genießen können und mein Körper hat mir das bis vor Tagen nahezu schmerzfrei ermöglicht.

Dafür bin ich dankbar und wäre es gerne noch viel mehr. So übe ich mich in Zufriedenheit, im Atmen und einfach Dasein dürfen. Im Schauen und Spüren, im Innehalten, Jasagen und – in der Liebe bzw. dem Annehmen dessen, was ist, wer mir begegnet und was dadurch in mir ausgelöst wird.

Aber dem stehen Leistungsdenken und „Biss“ klar entgegen.

Danke für diese Rückmeldung bzw. Email! So konnte ich darüber nachdenken und mir Klarheit verschaffen.

Momente

Ich bin on O Cebreiro. Zeit mich an das zu erinnern, was ich nicht vergessen möchte.

Die Düfte am Wegesrand. Rosen. An ganz vielen habe ich gerochen und manche haben Wunder verschenkt.

Menschen. Sie haben mir, die sie mich nicht kennen, einen guten Weg gewünscht. Manchmal ein Lachen dazu. Oder einen Blick, der mir galt, wie ich mir einbildete.

Ein Paar vor mir, das sich ganz lange beim Laufen die Hand hielt. Erst als ich näher kam, ließen sie sich los. Als ob das Schöne ihres bleiben sollte, rein und zart.

Ein radfahrendes Paar. Er, breitschultrig, half ihr, einem „Floh“, mit einer Hand im Rücken bei der Bergaufahrt.

Peters Lachen, als wir uns überraschend wieder trafen. Das war beiderseitige, einfache, ehrliche Freude.

Farben. Beige, Rötlichbraun. Blau. Das tiefe Rot der Weintrauben.

Der Rosmarinzweig an meinem linken Schultergurt. Großzügiger Spender von Überraschungsduftgeschenken.

Die Salate hier! Knackig und lecker.

In einen warmen Raum kommen. Schmeckt wie die Vorstellung, nach langer Reise da anzukommen, wo man sich zu Hause fühlt. Ein tiefer Seufzer. Eine Perle im Sand.

Ruhe. Kein Stimmengewirr, keine gezwungener Gespräche, kein Fahrzeuglärm, kein hektisches Trekkingstockgeklapper.

Eine Nachricht.

Lachen. Mein Humor traf auf Verständnis.

Fenchel am Wegesrand: Noch so ein Duft…

Der Moment, in dem ich entscheiden kann, genug für heute getan zu haben.

Das Gefühl der körperlichen Kraft.

Kathrins Hand in meinem Rücken, als ich elendig da saß und „Rotz und Wasser“ heulte. Sie kam des Weges und ging nicht vorbei.

…Ja, und: Eine Steckdose am Bett!!! 🙂

In Gesellschaft

Ich bin heute, am 9. September 2017, gegen 11:00 Uhr in Astorga angekommen. Gluecklicherweise hatte die Herberge „Albergue de peregrinos Siervas de María“, die ich mir aufgrund der vorhandenen Waschmaschine ausgesucht hatte, schon auf.

Ich sollte mir mit zwei Deutschen jungen Frauen und einer Dame aus Taiwan das Zimmer teilen, stellte aber fest, dass ich lieber in den 36 Betten Saal gehen würde, als mir das Gerede in Deutsch anzuhoeren.

Heute Abend wollte ich erstmalig in einer Herberge die Kueche nutzen. Zeitgleich hatten etwa 20 andere Gaeste diese Idee. Ich kaempfte mich durch, einfach auch, weil ich meine Quinoasuppe endlich nicht mehr tragen, sondern aufgegessen haben wollte. Ich stelle fest, dass ich sehr waehlerisch bin mit meiner Gesellschaft. Gespraeche zu beginnen und am Laufen zu halten erinnert mich immer an meine Arbeit. Ich tue es dann automatisch, ohne darauf zu achten, ob mir der Mensch wirklich sympathisch ist, oder nicht. Anschliessend fuehle ich mich oft ausgelaugt. So ging es mir heute in der Herberge. Ein Tagesabschluss alleine im nahegelegenen Park in der Abendsonne tat mir gut.

Obwohl es vielleicht schoener zu zweit gewesen waere, habe ich den Tag heute gerne alleine verbracht. Ich habe mir die Kathedrale und das Palacio de Gaudi, den Bischofspalast, angesehen. Gerne haette ich meine Eindruecke geteilt und erfahren, was ein Mensch, den ich mag oder der mich neugierig macht, dabei sieht, fuehlt und entdeckt. Aber alleine mit mir nahm ich mir Zeit fuer das, was mir wichtig war. Ich habe gesessen, geschaut, nachgespürt, Kaffee getrunken und fotografiert. Es ist vielleicht nicht der Optimalzustand, aber ich stelle fest, dass ich mir heute nicht die schlechteste Gesellschaft gewesen bin.

Wind und Wärme

Die trockene Wiese ist noch warm vom Tag. Ein paar Grillen zirpen, eine Krähe schreit im Vorbeiflug und bekommt von weit her Antwort. Die Sonne scheint woanders, zieht letzte blassrosa Lichter hinter sich her. Ein leichter Wind böt mehr und mehr auf.

Meinem Abendessen aus Käse, Kräckern, getrockneten Mangos, Studentenfutter und Keksen wäre nur noch ein Glas Rotwein hinzuzufügen.

Ein Tag geht gut zu Ende.

Ich bin wieder auf dem Camino Frances, ca. 21 km vor Astorga.

Und jetzt, wo ich das schreibe, hat sich die Sonne noch etwas ganz besonderes zum Abschied einfallen lassen…

Etappen Camino San Salvador

Mittwoch, 6. September 2017

León bis Buiza = ca. 43 km, ca. 280 Höhenmeter

Donnerstag, 7. September 2017

Buiza bis Arbas del Puerto

(Von dort aus bin ich ca. 20 km getrampt)

Campomanes bis Pola de Lena = heutige Gesamtstrecke ca. 29,9 km, 1200 Höhenmeter

(ca. 40 km von Campomanes bis Oviedo mit dem Zug, Fahrt in Albergue „Asociación Astur Leonesa de Amigos del Camino de Santiago“ per Taxi)

Freitag, 8. September 2017

Fahrt zurück nach León mit dem Bus